Wissen Sie, was Archaeen sind? Nicht? Archaeen sind einfach gebaute Mikroorganismen, so genannte Prokaryonten. Langweilig, finden Sie? Dann haben Sie Professor Dr. Stetter noch nicht gehört...
Ich habe die Münchener Wissenschaftstage besucht, an denen drei Tage lang die Genetik im Mittelpunkt stand. Der Vortrag über Archaeen war zwischen zwei Beiträgen angesiedelt, die ich hören wollte, also blieb ich einfach sitzen. In der Bankreihe hinter mir hörte ich Bruchstücke einer geflüsterten Unterhaltung: "...ein Wunder, dass er nicht selber schon eine Archaee ist..."
Professor Dr. Stetter begann seinen Vortrag über die hyperthermophilen Archaeen - bereits nach wenigen Minuten hatte er die Zuhörer im Audimax der Technischen Universität in seinen Bann geschlagen. Der Vortragende war so begeistert, so hingerissen von seinen Archaeen, dass diese Begeisterung fast körperlich spürbar war. Er konnte packend erzählen von seinen Exkursionen in die Tiefsee und auf die Vulkane der Antarktis, von seinen Versuchen, den Schlammfeldern auf Island die Archaeen zu entlocken. Seine Aufregung über die jüngste Entdeckung eines winzigen Archeums, das auf anderen Archeen aufsitzt, war so mitreißend, dass sich auch der letzte Laie im Publikum davon anstecken ließ.
Was war so besonders an diesem Dozenten? Es war nicht seine Vortragstechnik. Professor Dr. Stetter klammerte sich ans Vortragspult und hatte die Angewohnheit, ständig vor- und zurück zu wippen. Jeder Folienwechsel war begleitet von einem temperamentvollen Angriff auf die linke Maustaste, der mich ständig befürchten ließ, dass das arme Tier gleich zu Boden geht... Die Folien waren weder spektakulär noch gestylt. Einfache Textfolien, Stammbäume und zwischendrin viele ganzseitige Fotos.
Also: weder Vortragstechnik noch Präsentationsgestaltung hätten eine "Eins" verdient. Da war etwas anderes, was die Zuhörer fesselte. Professor Stettner sprach nicht von irgendeinem Stoff, sondern von einem Thema, das ihn spürbar "betraf". Er hat nicht über abstrakten "Wesen" geredet, sondern von dem "Urzwerg" erzählt, den er in Island und in der Antarktis, im hohen Norden und in der Tiefsee aufgespürt hat. Das waren ganz persönliche Erinnerungen und Geschichten, das hat gelebt.
Ach! Hätten wir doch mehr solche Vortragenden, Dozenten und Lehrer! Ach, wären doch die Lehrenden von ihrem Stoff immer so angetan, steckten sie doch immer so viel Herzblut in ihre Themen! Wir Zuhörer würden ihnen zu Füßen sitzen und uns Vorträge anhören über Hethitik oder Metabolomik, über Ichthyologie und Tachymetrie. Wir würden mit Begeisterung lernen, unsere Köpfe würden rauchen und wir würden glücklich heimgehen!
Da fällt mir ein, ich muss noch ein Buch besorgen über Nanoarcheum equitans....

