Ich erfahre in meiner Unterrichtspraxis, dass Visualisierungen auf Folien in der herkömmlichen Form oft nur eine Dekoration der Folien ist. Visualisierung muss das Vorwissen berücksichtigen, einen engen Bezug zum präsentierten Stoff haben, zum richtigen Zeitpunkt erfolgen und muss für den Zuschauer nachvollziehbar sein - selten erfüllt eine Grafik diese Forderungen.
Viele Tipps zur Visualisierung basieren auf den Erfahrungen der Werbung. Aber ich zweifel daran, dass wir dieses Wissen auf unsere normalen Präsentationen anwenden können. Gewiss gelten andere Maßstäbe für rein werbende Vorträge - aber die meisten Vorträge sollen doch wohl Informationen vermitteln.
Jede Art von Grafik verwendet eine spezifische Symbolik, die erlernt werden muss. Machen Sie sprachlich deutlich, wie die Grafik zu lesen ist. Ein Beispiel sind Kreislaufdiagramme oder Ablaufschemata - nicht für jeden ist die Abfolge von Pfeilen in einem Kreislaufdiagramm klar zu lesen als "auf dieses Stadium folgt jenes Stadium".
Bilder mit vielen Informationen müssen deutlich in "gehört dazu" und "ist nur zufällig auf dem Bild" unterteilt werden, die Aufmerksamkeit muss gezielt auf die relevante Information gelenkt werden. Welche Informationen aus einem Bild gezogen werden, ist für den Zuschauer nicht überschaubar.
In einer Kurzinformation für Betriebsgründer wurden die Vorteile einer Vernetzung von PCs dargestellt, als Bild wurden mehrere Büroräume mit vernetzten Rechnern und einem Server gezeigt. Fazit eines Teilnehmers: das komme für seine Firma leider nicht in Betracht, weil sich die Arbeitsplätze nicht in verschiedenen Räumen, sondern alle in einem großen Raum befinden. Der Fokus des Teilnehmers war ausschließlich auf die Tatsache "mehrere Büroräume" gerichtet.
Natürlich ist der Erwachsene mit dem Umgang von Symbolen vertraut, die für etwas anderes stehen - er macht aber bei der Transferleistung Fehler, wenn er den innewohnenden Mechanismus eines Vorganges noch nicht begriffen hat.
Typischerweise ist der Begriff "Ordner" als Symbol für ein Verzeichnis für einen Computer-Neuling keine Denkhilfe - den Transfer "Ordner = Verzeichnis, Schriftstück = Datei" vollziehen die meisten Anfänger erst, wenn sie verstanden haben, was eine Datei ist, wie man sie speichert, öffnet und wiederfindet. Führt man das Denkmodell "Ordner" erst ein, wenn das Speichern/Öffnen mehrfach geübt wurde, versteht der Anfänger den Ordner - er kann den abstrakten Vorgang mit dem konkreten Gegenstand verbinden.
Berücksichtigen Sie dieses Problem, wenn Sie auf einer Folie Symbole verwenden - zuerst muss der Vorgang oder der Gegenstand erklärt worden sein, dann kann ein Symbol das Behalten erleichtern.
Komplexe Sachverhalte in einem einzigen Bild zu zeigen, überfordert den Zuschauer. Schauen Sie sich in einem Biologie-Buch den Photosynthese-Zyklus an - verstehen Sie das? Wenn Sie kein Biologe sind, sicherlich nicht. Das Diagramm ist erst sinnvoll zu lesen, wenn ich den Vorgang begriffen habe.
Bei so detailreichen Darstellungen ist der Vorgang des Konstruierens wichtig - ein Bild dieser Art sollte entstehen. Das fertige Diagramm ersetzt nur das Zeichensystem "Wort" durch das Symbolsystem "Bild". Fehlt das Verständnis für den Vorgang an sich, bleiben beide Systeme unverständlich. Das ist besonders wichtig, bei Schemazeichnungen, Abläufen, Organigrammen und ähnlichen Zeichnungne.
Für PowerPoint ergibt sich, dass Schemata am sinnvollsten sind, wenn sie parallel zu einer Erklärung gezeigt werden und sich Stück für Stück im Zuge der Erklärung aufbauen. Animation von Grafik und Bild ist unabdingbar - nur so kann Ihr Publikum verfolgen, wie das Bild Schritt für Schritt entsteht und hat die Möglichkeit, die Konstruktion zu verinnerlichen.
26.05.2006
