Was ist ein Bild? Diese Frage wird selten gestellt, wenn über Visualisierung gesprochen wird. Wovon reden wir da? Von Fotos, Skizzen, Pfeilen? Oder von den Bildern, die im Kopf entstehen? Noch verwaschener wird es, wenn die Forderung aufgestellt wird, man solle verschiedene Sinneskanäle ansprechen: Hören und Sehen zum Beispiel. Zählt Lesen zum Sehen? Eigentlich schon, aber ist Lesen nicht die gleiche Textverarbeitung im Gehirn wie Hören?
Es gibt Menschen, die sich eine Melodie "vorstellen" können. Andere "sehen" eine mathematische Formel. Auch ohne eine besondere Begabung verfügen Sie über mentale Bilder. Sie stellen sich vor, wie das Elektron um den Atomkern saust, auch wenn Sie es noch nie gesehen haben. Welches Bild haben Sie vom elektrischen Strom? Sehen Sie, wie der Strom durch den Lichtschalter freigelassen wird und jetzt durch die Leitungen drängt?
Ob das Bild realistisch ist und den Gegebenheiten entspricht, ist dabei gleichgültig. Das innere Bild hilft uns beim Verstehen, beim Behalten und beim Lernen neuer Themen.
Es gibt also innere Bilder und solche, die von außen an uns herangetragenen werden. Der Lernprozess muss schlussendlich immer ein inneres Bild erzeugen. Alles, was der Lehrer präsentiert, muss in ein inneres Bild verwandelt werden - auch ein gezeigtes Bild muss erst in ein inneres Bild verwandelt werden. Dabei prägt sich ein vom Lernenden spontan selber vorgestelltes inneres Bild tiefer ein, als ein von außen herangetragenes. Es ist darum nicht sehr hilfreich, auch zu einfachen Thema gleich ein fertiges Abbild zu präsentieren - die Bildung innerer Bilder kann damit gestört werden. Lernen wird schwerer.
Der Lehrende muss darauf achten, dass sein Vortrag das Entstehen innerer Bilder unterstützt. Dazu ist jedes Mittel recht, das eine Imagination erleichtert: Stimme, Gestik, Mimik, Sprachbilder, Zeichnungen, Skizzen, Fotos, Filme …
26.05.2006
